Ein Divus ging in den Theaterhimmel ein
Leben für die Bühne: sechs Stunden Probe ohne Pause / Zum Tode Giorgio Strehlers

Freitag, 12.Dezember 1997. Die Probe zu "Cosi fan tutte" findet in der Probebühne im sechsten Stock des Nuovo Piccolo statt.
Ein kleiner Saal, voller Leute, Theaterzubehör, Instrumente, ein Monitor, der alles festhält, was sich zuträgt.
Strehler vor dem Regiepult. Während er den beiden Paaren der Mozartoper gerade erklärt, wie sich der für die "Eheprobe" fingierte Abschied zu vollziehen hat, hat er unser Auftauchen bemerkt, ohne mit seinen Erläuterungen, die in Vormachen, Vorsingen übergehen, aufzuhören. Wir sind hingerissen von der Proteushaftigkeit des Regisseurs, seiner unbändigen Energie, seiner Vormachekunst, seiner Nachahmungsfähigkeit, seiner todsicheren Vorgabe jeglichen Stimmeinsatzes, seiner suggestiven Beeinflussungskraft, seiner Fähigkeit, jeglicher Situation Spaß abzugewinnen, in die italienische Suada plötzlich deutsche oder französische Wendungen einfließen zu lassen, das Hochtremolieren einer Arie mit Gesten zu begleiten, die den Sänger nach den Sternen des Ruhms greifen machen müssen, der Kammerzofe Despina drei-, viermal vorzumachen, wie man mit einem Kaffeegeschirr auf dem Tablett zwei gegenpaarig gestellte Chaiselongues aufs eleganteste "umschwebt", den beiden Kavalieren beizubringen, wie militärisch salutiert wird, schließlich sich in Gestalt des sich als Türken ausgebenden Guglielmo der Zofe aufs melodramatischste vor Füßen zu werfen, um sie um Zugang zu ihrer Herrin anzuflehen.
Doch zuvor die "mane erotici", die "erotischen Hände", die die blonde, schlanke, geradezu idealmozartische Darstellerin der Fiordiligi zeigen soll, um die Verwirrung ihrer Gefühle nach dem Abschied vom Gatten auszudrükken: Auf dem Spinett hat er die Finger seiner rechten Hand in ihrer Nervosität vorgeführt, dann macht er der Sängerin vor, wo überhallhin sie diese "erotischen Hände" legen soll, zeigt, daß Führung auch Verführung ist, ohne auch nur einen Augenblick vergessen zu machen, daß das einfach "Handwerk" ist.
Die Rollen sind doppelt besetzt, wie gebannt sehen die Künstler dem Magier zu, dessen künstlerische Inspiration unerschöpflich zu sein scheint.
Das geht eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden, vier Stunden ohne Pause.
Wir müssen um acht gehen, um Strehlers seit Jahren laufende Inszenierung vom "Abhanden gekommenen Kind" im Studio-Theater des Piccolo zu besuchen. Unglaublich, wie Strehler das durchhält, fünf, sechs Stunden Probe ohne Pause.
Es reißt mich zu der Äußerung hin: Er wird einmal auf den Brettern sterben.
Oder ist es so, daß einzig sie ihm noch die Kraft geben, zu leben? Sonnabend, 13.Dezember.
Wieder zur Probe.
Enttäuschung: Nur die Korrepetitoren sind am Werk.
Strehler, erfahren wir, ist zu erschöpft.
Bleibt nur die Aussicht auf ein Treffen am Sonntag vormittag. Aber es ist Gelegenheit, mit der Sängerin der Fiordiligi, Lesley Goodman, der jungen Amerikanerin, ein paar Worte zu wechseln. Was ihr die Arbeit mit Strehler bedeutet?
Alles, denn durch ihn lernt sie erstmals nicht nur zu singen, sondern auch zu agieren.
Das Vormachen bis ins kleinste irritiert sie nicht, weil Strehler ihr wie allen anderen erklärt hat: Sie müßten dann selbst ihren Ausdruck dafür finden.
Ihre Augen leuchten, wenn sie vom "Maestro" spricht. Abends im alten Piccolo.
Dort zeigte ein Truppe aus Ravenna "Die 22 Mißgeschicke des Mooren Arlecchino", Goldonis "Diener zweier Herren", Strehlers mehrfach abgewandelte Meistersinszenierung, jetzt variiert durch einen schwarzfarbigen Straßenverkäufer aus Senegal, der von seinen Abenteuern als unerwünschter Immigrant in Italien berichtet. Das Piccolo ist ausverkauft, im Anschluß an die Vorstellung soll es eine Fete mit Afrikanern geben. Nach dem ersten Akt muß jedoch der Saal geräumt werden: Rassisten haben mit einer Bombe gedroht.
Im Hotel finden wir die Nachricht von Rosanna, Strehlers "rechter Hand", vor: "Doktor Strehler kann weder heute noch morgen, weil er sich nicht wohl fühlt."Wir fliegen ab, ohne zu erfahren, was er von Brecht ausgangs eines Jahrhunderts und vor einem neuen Jahrtausend hält. Unbeantwortet die Frage, warum es zum 100.Geburtstag außer dem Programm der Milva weder im alten noch im neuen Piccolo Neues von Brecht geben wird.
Donnerstag, 25.Dezember 1997. Nachmittags Anruf der Berliner Zeitung: "Strehler ist heute früh gestorben."Mit einmal ist der österliche blaue Weihnachtshimmel wie schwarz. Der Schlag ist fast so stark, wie er mich im August 1956 streifte, als ich vom Tod Brechts erfuhr. Ein Jahr vor Brechts Tod war ich in Brechts Wohnung in der Chausseestraße in Berlin zwischen Tür und Angel Giorgio Strehler und Paolo Grassi zum ersten Mal begegnet. Strehler und Grassi waren gekommen, um mit Brecht die Aufführung der "Dreigroschenoper" im Piccolo im Februar 56 zu besprechen. Das war, das ist nun mehr als 40 Jahre her. Die Nachricht von Strehlers Tod läßt die Erinnerung an ihn, bestimmt durch gemeinsame Verbundenheit mit dem Werk von Brecht, ungeordnet hochkommen.
Die erste öffentliche Diskussion mit Strehler 1960 in der Redaktion von "Paese Sera" in Mailand, verbunden mit meiner ersten Ansicht der "Dreigroschenoper" im Piccolo. 1966 Biennale in Venedig: Strehler verlangt leidenschaftlich, die Blockierungen gegen das Berliner Ensemble durch das Alliierte Travel Büro endlich aufzuheben. Sein Auftritt vor Studenten der Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität, als das Piccolo in der Volksbühne gastiert. Seine fulminante Schilderung, was Brecht für ihn, für seine Theaterarbeit, für das Welttheater bedeutete, auf dem Brecht-Dialog 1968.Seine unvergleichlich subtile und doch so realistische Inszenierung von Goldonis "Krach in Chioggia", gesehen auf dem Theater der Nationen in Warschau 1975.In den Achtzigern das Gastspiel des Piccolo mit Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" in der Volksbühne Berlin. 1990 Teilnahme an der dreitägigen Anbetung des Divus durch die Theaterwelt in Taormina anläßlich der Verleihung des Europäischen Theaterpreises. Strehlers damalige Überzeugung mir gegenüber, Brecht werde gerade durch "Die Wende" eine neue Bestätigung erfahren. 1992 sein "Faust" im Studio des Piccolo, Selbsterklärung, Selbsterhöhung, als inkommensurabel abgebrochen.
Aus Trotz, nein wie aus erneuter Selbstversicherung vorgenommen das "Brecht-Festival" am Piccolo 1995/96.Mit einmal erschien die wilde Energie, diese Besessenheit, mit der wir Strehler "Cosi fan tutte" hatten proben sehen, wie ein letztes trotziges Aufbäumen gegen den anschleichenden Tod. Die Zeit ist vorauszusehen, wo ähnlich, wie jetzt bei Brecht, nachgefragt werden wird, ob Stehlers Theater tot sei. Die Antwort wird lauten: Nein, weil er wie Brecht mit dem Theater eins war.

File borrowed from the Berliner Zeitung On-Line, 27.12.1997. My apologies. I was unable to create a viable link to the article in question.


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