Brechthaber John Fuegi


Der Brechthaber John Fuegi, der Gottseibeiuns der Brecht-Forschung, auf Werbetour in Deutschland. Sein Buch haßt mit erdrückender Gründlichkeit, sein Leben ist offenbar ein Roman

Nach all der Aufregung möchte man schon wissen, was den Mann treibt und wer er ist. Kein amerikanischer Germanist, darauf legt er größten Wert.
Er ist Schweizer, in London geboren, und lehrt vergleichende Literaturwissenschaft in Maryland. Aber fünf Tage der Woche drehe er mit seiner Partnerin in Europa Dokumentarfilme, die von Virgina Woolf oder Hildegard von Bingen handeln und "so androgyn wie möglich" sein wollen. Ein Leben zwischen den Kontinenten und Geschlechtern - kein kleines Leben jedenfalls. So muß man verstehen, was John Fuegi von sich erzählt. Ein älterer Herr mit Bart und Brille, nicht groß, sehr selbstzufrieden, so steht er da. Freundlich, zuvorkommend, ganz Gentleman, und doch zu plötzlichen, fast haßerfüllten Ausbrüchen fähig. Dann sieht es wieder aus, als wolle er gleich in Tränen ausbrechen, auf einer Lesung oder Pressekonferenz. Dabei, sagt er, gehe es ihm nur um die Wahrheit. Um Fakten, die er unwiderlegbar in seinem Buch präsentiere. Und er verstehe einfach nicht, warum niemand mit ihm darüber reden will. Hat man etwa Angst vor ihm? Die Fakten waren durchaus ein Problem, als die Originalausgabe des Buches 1994 in Amerika erschien: "Brecht and Company - Sex, Politics and the Making of the Modern Drama". Fuegi zeichnet Brecht als geile Spinne im Netz der Fa."B.B.", die alles verschlingt, was ihr in die Fänge kommt, und unter dem Deckmantel des Kampfes für das Gute in der Welt nichts mästet als das eigene Bankkonto und Genie. Fuegis Brecht ist ein nie abgestillter Vierjähriger mit dem Triebleben eines hormonell überversorgten Machos, der durch die Welt trampelt und "Füttert mein Ego!" ruft - mit für Fuegi erschreckendem Erfolg. Er läßt seine Geliebten - allen voran Elisabeth Hauptmann, Ruth Berlau und Margarete Steffin - seine Werke schreiben (wenigstens in hochprozentigen Anteilen), betrügt sie dann um ihre Tantiemen und treibt sie in Armut, Selbstmordversuch und Tod.

Schuld und Sühne
Daß Brecht wohl so oder so ähnlich war, haben fast alle bezeugt, die ihn in den zwanziger und dreißiger Jahren kannten. Man konnte das schon bei Fleißer und Zuckmayer, Bronnen oder Klaus Mann lesen, bevor Fuegi es zitiert hat - aber auch gnädig vergessen. Und wer sich die neue "Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe" abonniert hat, in dessen Bibliothek ist es sicher mit jedem neu eintreffenden Band ein bißchen kälter geworden. Brecht wollte Erfolg und benahm sich auch so. Darauf hdtte man einen kühlen Blick werfen kvnnen, um ein Bild des Dichters als Schwein zu zeichnen, das im Schwein einfach eine der möglichen und interessanten Erscheinungsformen des Menschen zeigt. Fuegi konnte das nicht. Daß sein Buch vom Haß befeuert wird, ist seine Qualität, denn der Haß sorgt für seine erdrückende Gründlichkeit. Er treibt Fuegi aber auch dazu, beharrlich mit Kategorien von Schuld und Sühne zu operieren, was sein Buch, das ein gutes Werk sein will und Wiedergutmachung für Brechts Geliebte fordert, oft zu einer etwas schwitzigen Lektüre macht.

Und dann die Fakten!
Wer Fuegis Feind sein wollte - und das wollten 1994 nach Erscheinen der Originalausgabe viele -, hatte es angesichts seiner Fehler leicht. 600 Patzer hat die Internationale Brecht-Gesellschaft, die er gegründet hat und deren Mitglied er heute nicht mehr ist, ihm vorgerechnet. In Frankreich verlor er einen Prozeß gegen Barbara Brecht-Schall und darf nicht mehr behaupten, sie sei von Brecht mit der Haushälterin Mari Hold gezeugt worden, die Geburtsurkunde verschollen. Beides stimmt nicht. Fuegi hatte das Glück, einen deutschen Verlag zu finden, der ihm in zweieinhalbjdhriger Arbeit etwas abgezwungen hat, was nach Verlagsangaben fast ein neues Buch ist. Alle Fehler ausgemerzt, alle Hausaufgaben nachgeholt, großes Ehrenwort! Tausende von Fußnoten, einzeln juristisch abgesichert!"Brecht & Co.", in der Version der Europäischen Verlagsanstalt und des Übersetzers Sebastian Wohlfeil, 1086 Seiten, 98 Mark, dürfte eine im Furor gemdßigte, im Apparat aufgeblähte Weiterentwicklung des Originals sein, und das ist bestimmt ein Segen. Auch wenn der Grundfuror natürlich erhalten bleibt und Brecht nach wie vor zum Schauder des Publikums in die unmittelbare - psychologische wie körperliche - Nähe von Hitler, Stalin und allen möglichen anderen Verbrechern gerückt wird.

Unheilbare Fixierungen
Was Fuegi auflistet, scheint allen auf merkwürdige Weise zu nahe zu gehen, auch ihm selber. Am vergangenen Montag hat er sich nach einer Lesung im Hamburger Literaturhaus geweigert, über Selbstmordversuche Elisabeth Hauptmanns zu sprechen, weil das Thema ihn zu sehr bewege. Im Publikum dankte später ein bewegter Zuhörer, Fuegi habe ihm "geholfen, Brecht vom Sockel zu nehmen". Als sei der Literaturprofessor ein Therapeut, besonders begabt für die Behandlung unheilbarer Brecht-Fixierungen. Aber wer ist John Fuegi nun? Räuberpistolen Er erzählt über sein Leben eine Geschichte, die den Räuberpistolen aus dem Leben Brechts in nichts nachsteht, ja, sie eigentlich an romanhafter Melodramatik weit übertrifft. Von dem Kellner Adolf Peter Fügi aus einem kleinen Schweizer Dorf, der als Wirtschaftsflüchtling im Londoner Hotel "Savoy" landet und sich dort in ein Zimmermädchen verliebt. Fünf Kinder mit ihr zeugt, arbeitslos wird und, lungenkrank vom Londoner Smog, in der Schweiz stirbt. Von einem seiner Söhne, der nach dem zweiten Weltkrieg als Portier einer Klinik in Zermatt arbeitet und auf einem Schlitten alle ins Tal fährt, die sich auf der Piste die Beine brechen. Bis er eine amerikanische Milliondrstochter erwischt, deren Mutter ihn aus Dankbarkeit auf einem Luxusdampfer nach New York schickt, im Cadillac abholen läßt und ihm in einer Villa in Südkalifornien ein Literaturstudium finanziert. Dieser Mann, der aus einem der kitschigsten Romane Erich Kästners stammen könnte, sagt John Fuegi, sei er selbst - und für einen Augenblick zweifelt man, ob es den, der da vor einem sitzt, überhaupt gibt. Aber da ist er in seiner Geschichte schon mit einem Fulbright-Stipendium im Berlin der sechziger Jahre und forscht im Brecht-Archiv. Und haut bei Helene Weigel auf den Tisch, als diese ihn bestimmte Dokumente nicht einsehen lassen will, und ruft: Er sei hier der Proletarier, nicht sie! Und darf die Dokumente sehen. Dann holt John Fuegi, sich selbst erklärend, auch noch die Freud-Keule aus der Tasche und schlägt damit auf sein Brecht-Buch ein: Seine Mutter, eines von dreizehn Kindern einer Bergarbeiterfamilie aus Swansea, sei selbst eine begabte Autorin gewesen, habe Kurzgeschichten und Hymnen geschrieben und hdtte eine Dichterin werden können - doch die Verhältnisse, sie waren nicht danach. Und es wehte ein kalter Wind durch die Stadt London. Was für ein Paar! Bertolt Brecht, das frauenverachtende, goldmarkschwere Erfolgsgenie - der Böse. Und John Fuegi, der Rächer der Ehre unterdrückter Autorinnen, der gute Sohn aus ärmlichsten Verhältnissen, der erzählt, seine Familie hätte von einem Brecht-Honorar sieben Jahre leben können - der Gute. Man möchte sofort ein Buch über die beiden schreiben.

Und was für ein Leben!
"Man muß die Karten ausspielen, die man auf der Hand hat", sagt John Fuegi und lächelt wieder sehr zufrieden. Er hat es, so betrachtet, wirklich weit gebracht. Und wenn es auch auf schmerzliche Weise nicht zu einer Brecht-Biographie gereicht hat, die gelassen genug wäre, um ihrem Gegenstand wirklich an Grvße gewachsen zu sein, dann doch dazu, bei Helene Weigel kräftig auf den Tisch zu hauen. Als Sohn einer Magd. Und mit betrdchtlichem Echo. Als einziger Brecht-Forscher wirklich subproletarischer Herkunft. Brecht wurde vor 99,9 Jahren geboren und ist erst 41 Jahre tot. John Fuegis gereiztes Buch und die allergischen Reaktionen darauf zeigen, daß es für alle Gelassenheit zu früh ist: Wer heute von Brecht spricht, ist noch verstrickt, Teil einer Familie im Zustand fortgeschrittener Zerrüttung. Und wie kommuniziert man in solchen Familien? Man macht einander Vorwürfe. Und das Brecht-Jahr hat noch nicht einmal begonnen.

File borrowed from the Berliner Zeitung On-Line. My apologies. I was unable to create a viable link to the article in question.


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